Pädagogik 6 – setzen! – Teil I

Ich arbeite seit ein paar Tagen wieder. Juhu. Nach einem Monat (2 Wochen zwangsurlaub weil Jerry krank war plus anschließende Weihnachtsferien) fühlt sich das richtig gut an.

Jerry macht keine neuen Probleme. Ich hatte Sorge, dass ich nach den 4 Wochen vielleicht bei 0 anfangen müsste. Das ist aber nicht der Fall. Was die Arbeit mit ihm allerdings nicht leichter macht. Obwohl ich eine Tendenz zu erkennen glaube, die mir die Hoffnung gibt, dass es mit der Zeit Fortschritte geben wird. Diese Tendenz ist minimal aber zu sehen, wenn man Vergleiche zieht. Das stimmt mich trotz diverser ärgernisse fröhlich.

Allerdings gab es bereits am ersten Tag nach den Ferien Probleme von Seiten der Klassenlehrerin, die ich so adhoc nicht erwartet hatte.

Angefangen hat es damit, dass ich Jerry etwas erklären wollte und er mir daraufhin eine weitere Frage stellte und die Klassenlehrerin, Frau Füller, energisch mit den Worten „Jerry! Du störst meinen Unterricht mit deinem ständigen gequatsche! Also heute verwarne ich dich nur drei Mal und wenn es DANN nicht klappt, dann überlege ich mir eine Strafe für dich!“ unterbrach.

Ich war irritiert. Aber, ich gebe zu, im ersten Moment entschuldigte ich diese Unterbrechung MEINER Arbeit damit, das Frau Füller wahrscheinlich nicht mitbekommen hatte, das Jerry mit MIR gesprochen hat. Das kann schließlich mal passieren. Zumal wir ja gaaaaanz weit hinten in der Klasse in einer Ecke sitzen und sie gaaaaaanz weit vorne an ihrem Pult gestanden hat.

Leider zog sich das ganze exakt auf diese Weise durch den Tag. Wann immer Jerry den Mund aufmachte, wahlweise auch ich und Jerry mir eine Antwort gab, fuhr Frau Füller dazwischen.

Wie schade! Denn Jerry war an diesem ersten Schultag sehr motiviert und Leistungsbereit. Durch die stetigen Ermahnungen Frau Füllers konnte ich dabei zusehen, wie Jerrys Arbeitsmoral nach und nach gen Null tendierte. Ab der zweiten  Stunde war sie prakrtisch nicht mehr vorhanden. Ich traute mich allmählich nicht mehr Jerry anzusprechen oder verbal auf ihn zu reagieren. Schließlich wollte ich nicht, dass er meinetwegen noch mehr Rüffel einstecken müsste.

Als wir gerade über einer Schreibaufgabe diskutierten, weil Jerry einfach keine Lust mehr hatte diese zu bearbeiten, kam Frau Füller zu uns an den Tisch, beäugte die nicht vorhandene Arbeitsleistung Jerrys mit blitzenden Augen und entriss ihm das Schreibheft. „Sehr schade, Jerry! Hier!“ Sie klatschte ihm ein Matheblatt auf den Tisch. „Du machst jetzt DAS hier und ich will keinen Ton von dir hören! Du darfst NICHT mit der Tally sprechen und die Tally …“ Frau Füller wendete sich etwas halbgar mir zu „…darf dir NICHT helfen und NICHT mit dir sprechen!“

Ehm. Ich werde diesen Monat übrigens 37 Jahre alt. Frau Füller gelang es mir den Eindruck zu vermitteln, dass ich mich verzählt haben könnte und womöglich gerade erst einmal 7 Jahre alt werde. Reichlich entgeistert und mit einer Maulschelle versehen starrte ich Frau Füller hinterher, die zurück zu ihrem Pult fegte. Jetzt war ich mir zumindest ganz, ganz sicher … hier stimmt was nicht. Und das was nicht stimmt richtet sich definitiv nicht nur gegen Jerry, sondern auch gegen mich! Na schön. Ich nutzte meine Zwangsauszeit mir darüber Gedanken zu machen, während Jerry das Arbeitsblatt immerhin komplett selbstständig erledigte. Natürlich versuchte er zwischenzeitlich mit mir zu Kommunizieren, aber ich blieb standhaft und schwieg, schüttelte nur ab und an den Kopf und erklärte, das Frau Füller uns den Hals heute womöglich noch umdreht, wenn wir nicht vorsichtig sind.

Der Tag ging ähnlich weiter und in der letzten Stunde klärte sich zumindest auf, dass das besagte Matheblatt, welches Jerry erhalten hatte und selbstständig und komplett ohne Hilfe lösen sollte, ein kleiner, unbenoteter Test gewesen ist. AH! Deshalb sollte Jerry also nicht mit mir reden, deshalb habe ich einen Maulkorb angelegt bekommen. Wie nett! Es wäre natürlich noch viel, viel, viel netter gewesen, hätte ICH das im Vorfeld gewusst und die Klassenlehrerin mich eingeweiht. So habe ich mich nämlich einfach nur zwei Stunden lang mordsmässig aufgeregt und das bis ich Bauchschmerzen hatte!

Immerhin und das ist wirklich super … Jerry hat von 40 möglichen Punkten 39 erreicht. Nein. Auf den Kopf gefallen ist mein Jerry definitiv nicht, egal wie schwierig es zuweilen mit ihm ist!

Zur Belohnung und weil ich ohnehin einmal testen wollte, ob sich etwas an Jerrys verhalten bessert, wenn man ihm eine kleine Überraschung am Ende eines Tages in Aussicht stellt, habe ich ihm für den nächsten Tag versprochen ihm „Monsterschleim“ mitzubringen, welches ich ihm geben würde, wenn er am Dienstag ebenfalls wieder fleissig aufpassen und mitarbeiten würde. Der Monsterschleim stand bei mir seit Nikolaus herum, weil ich vergessen hatte ihn zu Jerrys Geschenken dazu zu packen und mein Sohn ist für das Zeug definitiv zu klein. Daher hatte ich so oder so vor Jerry das Zeug bei irgendeiner günstigen Gelegenheit zu schenken. Jetzt war die Gelegenheit gekommen. Perfekt also.

Jerry war an diesem Tag auch redlich bemüht seinen „Monsterschleim“ zu verdienen. Seine Arbeitshaltung war allerdings von der ganz üblen Sorte und ich hatte meine liebe Mühe ihn dazu zu bewegen wenigstens ein paar der Aufgaben mit zu machen. Ich musste verdammt tief in die Trickkiste greifen, schaffte es dann aber immerhin, das er drei Seiten in seinem „Wort-Buch“ schrieb und das ist im Grunde eine tolle Leistung.

Lange Rede kurzer Sinn, der nächste Tag lief im Grunde wie der Tag davor. Frau Füller ermahnte Jerry und mich gleichermaßen den Unterricht nicht zu stören und fuhr ständig dazwischen sobald ich mit Jerry versuchte zu kommunizieren. Selbst bei Rückfragen von Seitens Jerry oder auch dann, wenn er einfach nur wissen wollte, ob er etwas gut gemacht hatte, wurde er von Frau Füller augenblicklich ermahnt. Während Jerrys Laune, seine Arbeitsmotivation und sein guter Wille gen Null sank, stieg mein Wut-Level allmählich auf die 180.

Nicht falsch verstehen. Frau Füller ist die Klassenlehrerin von Jerry und sie soll das natürlich auch bleiben. Ich begrüße, wenn sie Jerry ermahnt wenn es darum geht, dass er durch singen, auf dem Stuhl wippen, Flasche werfen und sich nicht hinsetzen den Unterricht stört. Auch wenn er Aufgaben auch nach der zehnten Bitte meinerseits nicht nachkommt, finde ich es gut, wenn Frau Füller etwas dazu sagt und ihn armahnt. Was ich nicht gut finde, ist, wenn sie verhindert, dass ich mit Jerry kommuniziere. Denn exakt das braucht Jerry. Rückversicherungen, Erläuterungen und zuweilen auch mal eine Diskussion, wieso er jetzt das oder jenes machen muss/soll. Am Dienstag war das dank Frau Füller einfach nicht mehr möglich. Gar nicht.

Hinzu kam aber auch, dass es am Morgen ein kleines Intermezzo gegeben hatte, das mich persönlich mit einiger Entgeisterung, Unversändnis und Ärger zurück gelassen hatte.

Der kleine Said hatte verschlafen. Jerry (Best Buddy) und Ali (der Cousin von Said, der die selbe Klasse besucht) sollten der Lehrerin bescheid geben. An diesem Morgen war auch Herr Knack da, der den Unterricht begleiten sollte (es sind immer mal wieder zwei oder sogar drei Lehrkräfte anwesend, je nach Unterricht). Da Jerry immer Jahrhunderte benötigt um sich umzuziehen, flitzte der kleine Ali zuerst in die Klasse und erklärte feierlich, der Said habe verschlafen. Währenddessen betraten dann auch Jerry und ein anderes Mädchen die Klasse. Die Reaktion von Herrn Knack und Frau Füller erfolgte im O-Ton so … Moment, ich zitiere:

„Haha, das ist ja kein großer Verlust!“

„Nein, nicht wirklich tragisch.“

„Er wird sicherlich nicht vermisst.“

Und „So ein Glück.“

WTF?!

Also …. selbst jetzt, während ich mich an diese Situation erinnere, steigt mein Blutdruck. Ich gestehe jedem Menschen zu seinen Frust irgendwo abladen und verbalisieren zu müssen. Ich selbst tue das häufig und auch sehr gerne, weil ich mich danach einigermaßen leichter fühle. Und ich kann mir vorstellen das im Lehrerzimmer beinahe ständig über Schüler und Schülerinnen hergezogen und gelästert wird. Ebenso wie über Eltern. Aber Himmel Hergott noch mal! DAS MACHT MAN NICHT VOR 6 JÄHRIGEN SCHULKINDERN! Und schon gar nicht, wenn eine Sozialarbeiterin/Sozialpädagogin MIT IM RAUM IST! Sind die bescheuert?! Ich muss nun wirklich kein Pädagoge sein um zu begreifen, dass das NICHT RICHTIG ist. Da reicht eigentlich gesunder Menschenverstand! (Ich könnte schon wieder kotzen!)

Zumal Said und das will ich hier mal so sagen, zwar ein kleiner Quärolant und Störenfried sein mag, aber an sich ein ganz, ganz lieber, sehr sensibler und wissbegieriger kleiner Junge ist, der hauptsächlich darunter zu leiden hat, das er Kognitiv nicht ganz so fit ist. Hinzu kommt ein Sprachproblem, welches möglicherweise durch seinen Migrationshintergrund begünstigt wird. Tatsächlich versteht Said viele Dinge nicht, wenn man schnell mit ihm spricht. Gibt man sich aber die Mühe und erklärt ihm Dinge mehrfach und langsam, dann hört er sehr aufmerksam zu und verinnerlicht es auch, versucht es umzusetzen und sich daran zu halten. Das klappt natürlich nicht immer. Aber der Junge ist auch bitte erst 6 Jahre alt!

Boah, was war und bin ich schockiert. Als Said schließlich nach ca. 30 Minuten endlich zur Schule und in den Unterricht kam und der Lehrerin mitteilen wollte, dass er erst jetzt käme, weil er ja verschlafen habe, hatte Frau Füller übrigens nichts besseres zu tun als das Kind vor der gesammten Klasse anzuranzen.

„Was willst du jetzt hier?! DU bist schon WIEDER zu spät! Immer kommst du zu spät! Jetzt setz dich endlich und hör auf zu stören!“

Said hat darauf etwas erwidert, aber so leise, das ich es von meinem Platz aus nicht hören konnte. Aber Frau Füller entgegnete darauf: „Dann muss deine Mutter dich mal  wecken, wenn du das selber nicht kannst! Setzen!“

Und ich dachte: „Frau Füller, dann müssen sie mal einen pädagogischen Lehrkurs besuchen! Pädagogik 6 – SETZEN!

Auch hier will ich mal ganz scharf klarstellen: „Ein 6 Jähriges Kind kann nichts dafür, wenn es zu spät in den Unterricht kommt. Selbst wenn es jeden Tag zu spät kommt. Scheiß egal! DAS KIND KANN NICHTS DAFÜR! Die Adressaten sind in einem solchen Fall die Eltern! Wenn man sich drüber ärgert das ein Kind immer zu spät kommt, dann man das auch gerne einfach abnicken, aber ich ranze nicht ein 6 jähriges Kind dafür vor versammelter Klasse an!“

Von der negativen Projektion die an diesem Tag in der Klasse stattgefunden hat, will ich gar nicht erst anfangen. Als ich an meinem ersten Arbeitstag in die Klasse kam, hatte Jerry seinen Platz direkt vorne an der Wand neben der Tafel. Mit dem Rücken zur gesamten Klasse. Also wenn das nicht aktive Ausgrenzung vom feinsten ist, weiß ich auch nicht. Wenn irgendetwas in der Klasse war, etwas war verschwunden oder kaputt, dann zeigten die Kinder wie automatisiert auf Jerry und erklärten, er sei das gewesen. Was aber nicht stimmte. Mittlerweile sitzt Said an eben diesem Platz und die Kinder deuten nun auf ihn, wenn irgendetwas war. Und auch hier stimmt es zu 99 % NIE!

Die Quittung eben dieser negativen Aussagen von Seiten der Lehrerin kam auch prompt als Jerry neben mir erklärte: „Der Said ist ja auch blöd, wenn er immer verschläft!“

Oh! Da bin ich wütend geworden. Also, noch wütender. Ich habe Jerry (sehr ruhig) dann erklärt, dass der Said überhaupt nicht blöd ist, wenn er verschläft und zu spät zur Schule kommt, weil der Said nämlich erst 6 Jahre alt  ist und seine Mama oder sein Papa ihn rechtzeitig wecken müssen.

„Aber der Said ist doch so alt wie ich! Ich bin doch auch 6 Jahre alt und komme nie zu spät!“

„Ja, Jerry. Und stehst du morgens selber auf oder weckt dich deine Mama?“

„…. Meine Mama.“

„Siehst du. Und so ist es auch richtig. Wenn Said zu spät kommt dann hat man vergessen ihn zu wecken und dafür kann er nichts und deshalb ist er auch nicht blöd.“

Das wurde dann auch verstanden und Jerry hat in der Pause wieder mit Said gespielt. Immerhin. Auffällig war auch, das Said an diesem Tag mitunter an mir geklebt hat wie eine kleine Klette und oft meine Hand halten wollte. Er hat sich häufig rückversichert das alles in Ordnung ist und oft das Gespräch mit mir gesucht. Hätte ich es zugelassen, dann hätte er sich an mich geschmiegt um zu kuscheln. Dass sind aber die Momente, wo ich meine Grenze ziehe und es beim kurzen umarmen und über den Kopf streicheln belasse.

Er hat mir schwer leid getan. Sehr schwer leid und meine Wut auf Frau Füller begann sich enorm zu steigern.

Jerry hat seinen Monsterschleim übrigens bekommen. Auch, wenn er, wie er selbst sehr gut reflektiert hat, ihn eigentlich an diesem Tag nicht verdient hatte. Aber alleine dafür, das er solch eine Selbsterkenntnis an den Tag legte, ist hinsichtlich seiner Problematik ein riesiger Erfolg und deshalb … ja, deshalb hatte er den Schleim eben doch verdient!

Weiter geht es dann in Teil II.

 

 

 

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5 Gedanken zu “Pädagogik 6 – setzen! – Teil I

    1. Das Verhalten der Lehrerin hat auch schon die Mutter von Jerry bemängelt. Also im Vorfeld. Aber als ich anfing war es noch nicht so gravierend und ich hatte den Eindruck gut damit zu Recht zu kommen. Zumindest wurde ich nicht auf so eine Weise eingeschränkt. Mir sind schon vor den Sachen Dinge aufgefallen. Aber nicht so im Extrem wie derzeit und in der ganzen letzten Woche. Das steigerte sich dann ja auch von Tag zu Tag. Aber dazu kommen noch Sachen.

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