Lebwohl KiWu

Wie ich ja gestern im Beitrag kurz erwähnt habe, haben mein Mann und ich uns entschieden, dass wir keine weiteren Kinder bekommen werden.  Die Frage ob wir noch Kinder wollen oder nicht ist bei uns immer mal wieder Thema gewesen im letzten Jahr. Tatsächlich ist es so, das wir uns beide durchaus noch ein Geschwisterchen für Wurzelgnom hätten vorstellen können. Die Möglichkeit es zu probieren hätten wir dank der 4 eingefrorenen Eizellen durchaus.

Mittlerweile haben wir für die konservierung der Kryos und ihren bequemen Aufenthalt im Kühlschrank der Universitätsklinik auch schon knapp 1000 Euro bezahlt. Da würde man ja meinen, man wolle irgendwann auch mal was für sein Geld. Im besten Fall ein gesundes Baby oder zumindest die Möglichkeit dessen.

Aber Fakt ist, es gab in den letzten zwei Jahren diversen Anlass sich das ganze noch einmal gründlich aber vor allem realistisch durch den Kopf gehen zu lassen. Die Folgenden Punkte sind der Grund, warum wir uns gegen eine Zukunft mit zwei Kindern entschieden haben und wir dieses Jahr keine weitere Zahlung mehr einreichen werden.

  • Wir haben kein Geld übrig um die 200 Euro für die Kryos ein weiteres Jahr lang zu bezahlen. Die Sache sähe freilich ein wenig anders aus, wenn ich schon arbeiten würde. Aber selbst dann hätten wir uns nicht anders entschieden.
  • Meine Schwangerschaft mit Wurzelgnom war gefühlt die Hölle und zwar vom ersten Tag an. Der Bedarf an einer Wiederholung ist gleich null. Jünger werde ich auch nicht und daher nehme ich an, mein Körper wird mir eine zweite Schwangerschaft noch weniger danken als die Erste. Zumal ich immer noch und das zwei Jahre später, mit Folgeerscheinungen leben muss.
  • Diabetis. Ich werde vom ersten Tag einer Schwangerschaft unter Diabetis leiden. Die Wahrscheinlichkeit, dass diese Diabetis dann nicht mehr weggehen wird, liegt nach Aussage meines Diabetologen bei 70-80 %, da ich schon nach der ersten Schwangerschaft nur Haarscharf die Kurve bekommen habe. (Die Blutzuckerwerte waren erst nach einem ganzen Jahr nach der Schwangerschaft wieder in Ordnung. Der Mittelwert ist nach wievor immer einen tacken erhöht.) Davor habe ich ernsthaft angst. Ich will diese Krankheit nämlich nicht!
  • Ich werde wie gesagt nicht jünger. Ich würde gerne Arbeiten. Mal ehrlich … gehen wir davon aus ich finde gegen alle Erwartungen meinerseits dieses Jahr noch einen Job. Definitiv nächstes Jahr. Dann bin ich 37 Jahre alt. Spätestens mit 38 Jahren sollte ich dann wohl versuchen Schwanger zu werden. Bei 4 Eizellen macht das zumindest 2 Versuche. Selbst wenn ich davon ausgehe, dass es womöglich direkt klappt, wäre ich bei Geburt bereits 39 Jahre alt. Bei meinem Glück läuft es wie das letzte mal und ich falle ab der 15 ssw in ein BV. Dann kommt Mutterschutz. Dann kommt Erziehungsjahr. Wann soll ich denn bitte jemals Arbeiten?! Selbst wenn mein Mann in Elternzeit gehen würde, habe ich bei der letzten Schwangerschaft beinahe ein volles Jahr gebraucht um meinen Körper übrhaupt davon zu überzeugen halbwegs wieder richtig zu funktionieren! Nach 3 Monaten wieder arbeiten? Vergesst es. Darauf verlass ich mich nicht.
  • Zwillinge. Ich kann mich natürlich dazu entscheiden das nur eine Eizelle eingesetzt wird. Dann wäre die Chance auf eine Schwangerschaft aber definitiv geringer. Ich gehöre zu den Menschen die da sagen: Ganz oder gar nicht. Ich würde also die größte Chance nutzen wollen und mir zwei Eizellen einsetzen lassen. Damit steigt das risiko auf eine Zwillingsschwangerschaft an. Ich bin aber keinesfalls dazu bereit  Zwillinge zu bekommen. Da kann ich mich auch direkt einliefern lassen, weil ich das physisch und psychisch definitiv nicht mehr schaffen würde. Wenn ich aber dazu nicht bereit bin, dann ist die Überlegung die Finger davon zu lassen nicht so weit entfernt.
  • Platz. Ein zweites Kind würde eine enorme Einschränkung bezüglich unserer derzeitigen Wohnverhältnisse bedeutet. Tatsächlich würden wir uns entweder sehr einengenen müssen oder aber umziehen. Wir wollen aber keine weitere Einengnung. Wir wollen keinen Umzug. Wir wohnen unheimlich gern hier und finden, dass es eine super schöne Umgebung für den Wurzelgnom ist um aufzuwachsen. Safe and Sound. Sozusagen. Aber nicht so weit ab vom Schuss, dass er nie irgendwo hin kommen würde. Das soziale Netzwerk welches wir uns mittlerweile aufgebaut haben ist grandios. Das aufzugeben wäre weder für Wurzelgnom noch für uns sinnvoll.
  • Reden wir doch noch einmal über das Geld. Kinder sind teuer. Mit einem zweiten Gehalt würde es uns zu dritt grandios gut gehen. Zu dritt wird es wieder enger. Mit einem Kind kann man noch super in Urlaub fahren, große Geburtstage veranstallten und auch teurere Wünsche leichter erfüllen. Mir zweien sieht die Sache etwas anders aus.
  • Wir lieben unseren Wurzelgnom. Heiß und innig. Aber, mein Mann und ich stoßen an unsere Grenzen. Emotional wie auch körperlich. Wir sind mit einem Zwerg zu 100% ausgelastet. Und nein, hier läuft es definitiv nicht immer rosig. Mein Mann und ich haben uns noch nie so viel gestritten wie in den letzten beiden Jahren. Schlicht deshalb, weil die Nerven oft auf beiden Seiten blank lagen. Erst jetzt, wo Wurzelgnom etwas größer ist, kommen wir wieder besser miteinander aus. Trotzdem merken wir jede Herausforderung, die er mit in unseren Alltag gebracht hat sehr akut. Wir schaffen und meistern sie, aber es kostet auf beiden Seiten kraft. Da ist kein Platz für noch ein Kind. Keine Energie für einen weiteren Wurm.
  • Ich habe das erste Lebensjahr von Wurzelgnom nicht genossen. Es war unheimlich anstrengend, zeitraubend und einengend. Wie gesagt, ich liebe meinen Gnom. Ich bereuhe meine Mutterschaft in keinster Weise. Aber und das ist Fakt, ich bin keine Übermami, die gerne viel Zeit mit ihrem Kind verbringt und nichts anderes auf dem Schirm hat. Tatsächlich hatte ich in den letzten zwei Jahren unheimlich oft das Gefühl mich selbst komplett verloren zu haben. Persönliche Freizeit/Freiraum ist zu einem Fremdwort geworden. Jede Sekunde, die ich auch nur ein wenig für mich machen und sein wollte, musste ich mir klauen. (Teilweise ging das nicht ohne diverse dispute mit dem Göttergatten, der wiederum sich dann alleine mit allem gelassen fühlte. Das ist übrigens eine Elternfalle. Das ständige Vorrechnen, wer wann wie was schon alles über Tag getan hat … zum Kotzen!) Alles was ich mochte, konnte oder durfte ich nicht mehr machen, weil es mit dem Wurzelgnom (wahlweise auch mit denen meine Mannes) und seinen Bedürfnissen kollidierte. Jetzt endlich, nach verdammten zwei Jahren, bekomme ich wieder Luft zum Atmen. (Der Göttergatte auch!) Sorry. Aber ich will diese neue, alte Freieheit einfach behalten! Ich habe keine Lust darauf die Zeit zurück zu drehen und alles von vorne durchmachen zu müssen. 8 Monate lang schlaflose Nächte. Koliken. Ein Kind das nur auf meinem Arm oder Bauch schläft für etwas mehr als drei Monate! Dieses ewige Rätselraten warum das Kind weint, weil es nicht kommunizieren kann. Diese elendige … Langeweile. Das Gefühl, das einem die Decke auf den Kopf fällt. Das Gefühl die Fähigkeit zur Kommunikation zu verlieren, weil man niemanden zum Reden hat, so dass Gespräche mit dem Postboten zu einem täglichen Highlight werden. Nein. Danke. Nein.
  • Emotionaler Streß. So eine künstliche Befruchtungskiste ist kein Zuckerschlecken. Egal ob nun schon ein Kind hat oder nicht. Die psychische Belastung ist da und da ich ohnehin einen Hang zu Depressionen habe, lüge ich mir selbst in die Tasche, wenn ich behaupte, dass es ja nicht so tragisch wäre, wenn es am Ende nicht klappt. Quatsch mit Soße. Es wäre tragisch. Wenn ich mich darauf einlassen würde noch ein Kind haben zu wollen, dann will ich eines. Und würde ich mich erleichtert fühlen, weil es doch nicht geklappt hätte, bekäme ich ein schlechtes Gewissen. Ich wäre schneller in einem Teufelskreis und einer ungesunden Gedankenspirale als ich bis drei Zählen könnte. Und auf wen wirkt sich das letztlich aus? Abgesehen von mir selbst freilich?! Genau. Auf meine Familie, meinen Mann, Kind und auch auf Freunde und andere Bekannte. Nein. Mag ich nicht haben.
  • Wo wir schon bei Psyche sind kann ich auch direkt die Ängste ansprechen, die meinen Mann und mich während der Schwangerschaft und auch danach noch lange begleitet haben. Angst, das was schief geht obwohl man Schwanger ist. Angst, dass dem Baby was passiert, weil man nicht richtig aufgepasst hat etc. Die Angst ist immens und furchtbar und riesig! Wir haben sie immer noch. Und das ist gut so, weil es uns ermahnt auf unseren Wurzelgnom zu achten und aufzupassen. Aber sie frisst auch viel Kraft und weitere Ressourcen auf. Ein Glück wird sie weniger. Nicht mehr so akut und penetrant. Aber mit einem weiteren Wurm? Alles zurück auf Anfang. Nein.

Das also sind unsere Gründe. Wir haben weder die Ressourcen, noch die Kraft, noch das Geld und auch nicht die ehrliche Bereitschaft für ein zweites Kind. Dabei ist es nicht so, das wir uns das nicht hätten vorstellen können oder wir uns nicht doch noch Nachwuchs irgendwo wünschen würden. Aber wir sind beide einfach nicht dazu bereit sämtliche aufgezählte Punkte so in Kauf zu nehmen.

Wenn man sich für ein Kind entscheidet, dann entscheidet man sich auch dafür sich selbst Aufzuopfern. Man entscheidet sich dazu ganz und gar für das Würmchen da zu sein. Immer. Wir wollen unserem Wurzelgnom das bestmöglichste bieten. Er ist unser Wunschkind. Unser Allerheiligstes. Er soll von uns und der Bindung zu uns profitieren, das Beste mitnehmen können ohne unnötige Einschränkungen. Das gilt sowohl im erzieherischen wie auch materialistischen Sinne.

Mit einem Geschwisterchen würde Wurzelgnom alsbald völlig überforderte Eltern, die ständig übrarbeitet sind, keine Zeit mehr für ihn haben und unter Dauerstress leiden. Er müsste zwangsläufig arg zurückstecken.

Wollen wir nicht.

Ich denke, wenn mein Mann und ich ca. 5 Jahre früher gestartet hätten, ich somit auch 5 Jahre früher das erste Kind bekommen hätte, dann sähe die Sache heute etwas anders aus. Aber mein Zeitfenster schließt sich und in knapp 3 1/2 Jahren ist der Zug ohnehin abgefahren. Dann bin ich 40 Jahre alt und keine Krankenkasse der Welt zahlt noch irgendwas. Und ganz ehrlich? Ich sage nicht, dass ich mich mit 36 zu alt als Mama fühle. Aber ich merke doch durchaus körperliche Defizite. Ich merke auch geistige Defizite. Ich merke einen Mangel an Ressourcen. Mit 40, könnte ich mir bei mir durchaus vorstellen, dass es nicht unbedingt besser aussieht, sondern eher schlechter.

Ein Kind ist kein Haustier. Es ist eine Lebensaufgabe. Mein Mann und ich haben uns die Lebensaufgabe gestellt Wurzelgnom dabei zu helfen ein großartiger Erwachsener zu werden. Und wenn wir auf dem Zahnfleisch kriechen. Egal! Wir werden das letzte Fitzelchen Energie aus uns herauspressen um ihn in eine wundervolle Zukunft begleiten zu können.

Mehr geht nicht. Und damit sind wir glücklich. Daher sagen wir „Lebewohl KiWu!“ Und danken ab und an den guten Geistern, die unseren Wurzelgnom möglich gemacht haben.

Wir sind dankbar. Unendlich. Und auch wenn wir beide zuweilen vielleicht etwas nostalgisch werden mögen und uns überlegen, wie es wohl gewesen wäre, mit zwei oder sogar mehr Kindern, so sind wir überzeugt die richtige Entscheidung getroffen zu haben.

Natürlich trauere ich ein wenig um die Kindern die vielleicht gewesen wären, nun aber definitiv keine Chance mehr erhalten werden. Andererseits habe ich über die letzten beiden Jahre gemerkt, dass es da andere „Kinder“ gibt, die sich schwer von mir vernachlässigt gefühlt haben. Mit anderen „Kindern“ meine ich vor allem persönliche Projekte, wie zum Beispiel das Gestalten von eigenen Spielwelten. Plots für Campagnien schreiben. Das Künstlerische. Aber auch das tatsächliche Schreiben von Geschichten. Ich möchte mich wieder selbst entfalten und diesen „Kindern“ Nahrung geben dürfen.

Advertisements

5 Gedanken zu “Lebwohl KiWu

      1. Ich finde es manchmal schade, das ich die Unkompliziertheit meines Lebens cor Kind gar nicht zu schätzen wusste. Ist jetzt nicht so als hätte ich keinen Spaß gehabt, aber irgendwie hätte ich es intensiver erleben sollen…

        Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s